Nocken bei Hellespont Fairfax und Consorten

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Carsten H. Petersen
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Nocken bei Hellespont Fairfax und Consorten

Beitrag von Carsten H. Petersen »

Moin ,

auf den privaten Nachrichtensendern wird ja sozusagen in "Heavy Rotation" die "Superschiffe-Serie" um Ulysses , Colombo Express und Consorten wiederholt . Wenngleich wohl angenommen werden darf ( hüstel , hüstel ) , dass die "Colombo Express"im Jahre 2010 nicht mehr das "größte Containerschiff der Welt" ist , was sie auch sowieso nie war -auch nicht von der Containerkapazität her , denn Maersk Sealand gibt ja stets die Kapazität bei 14 t / TEU und homogener Beladung und nicht die Stellplatzkapazität an - und man von daher schon merkt , dass die Reihe etwas Patina angesetzt hat , habe ich bezüglich der auch behandelten TI Oceania ( ex. Hellespont Fairfax ) mal eine Frage : warum hat dieses Schiff samt seiner Schwestern keine Brückennocken ( bzw. nur diese Ministummel , die man auch ganz hätte weglassen können ) erhalten ? Zwar ist es schön , wenn man -wie in der Tankerei ja üblich- jemanden am Manifold stehen hat , der via UKW ansagt , welche Distanz zur Position noch fehlt , dennoch fände ich es -selbst wenn das Schiff mit Kameras ausgerüstet ist , wovon ich ausgehe- äußerst unangenehm , wenn ich beim Festmachen nicht die Bordwand überblicken könnte , zumal es gerade bei Schiffen dieser Größen- und Gewichtsklasse auf äußerst behutsames und konzentriertes Manövrieren ankommt . Also welchen Sinn macht es , ein Schiff ohne Nocken auszuliefern ? Sorry , wenn ich als Lotse so was frage , aber ich habe wirklich keine stringente Erklärung dafür ( aber ich bin zu meiner "aktiven" Zeit auch nie auf VLCCs und ULCCs gefahren ) .

Carsten
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O. Hansen
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Re: Nocken bei Hellespont Fairfax und Consorten

Beitrag von O. Hansen »

Der Hauptgrund, bei so großen Pötten auf die Nock zu verzichten liegt in der Konstruktion des "Kragträgers", den so eine Nock darstellen würde...

Da sie ja extrem lang sein müsste, bekommt man konstruktive (Festigkeits) und Vibrations- Probleme, die meist nur durch aufwendige Stützkonstruktionen vermieden werden können.

(Wie man z.B. hier sieht:)
Bild
(Bild von www.physicstogo.org

Das ist halt ein nicht zu vernachlässigender Kosten- und Gewichtsfaktor.
Grüße von der Elbe...
Oliver
Carsten H. Petersen
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Re: Nocken bei Hellespont Fairfax und Consorten

Beitrag von Carsten H. Petersen »

Moin ,

nun hast Du mit der "Knock Nevis" natürlich auch ein Extrembeispiel gebracht . Und auf der Prairial ( Schwesterschiff der "Pierre Guillaumat" ) hat sich das "nockenlose System" scheinbar nicht durchgesetzt , schließlich hat man aufwendig nachrüsten lassen . Sollte der von Dir angegebene Grund tatsächlich derjenige welche sein , kann man nur noch fassungslos den Kopf schütteln , denn hier wäre am falschen Ende -und zwar der Sicherheit- gespart worden .

Carsten
Werftarchiv
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Re: Nocken bei Hellespont Fairfax und Consorten

Beitrag von Werftarchiv »

Die Vibrations-, Gewichts-, und Kostenerläuterung ist einleuchtend. Möglicherweise werden in nicht allzu ferner Zeit Schiffe ganz generell ohne Nock gebaut. Moderne Kamera-, und Wiedergabetechnik macht heute vieles möglich. Es mag zwar für einen erfahrenen Fahrensmann wirklich unangenehm sein, so zu manövrieren, aber wenn meine Vermutung zutrifft, werden zukünftige Kapitäne wohl recht früh darauf geschult werden. Solch ein Schiff dürfte für gut ausgebildetete Kapitäne ebenso gut zu manövrieren sein, wie für "alte Hasen" ein Schiff mit Nock.
Diese Entwicklung wird inzwischen in vielen Bereichen erfolgreich vorangetrieben (wenn auch natürlich nicht immer im gleichen Maßstab, wie bei einem Schiff). Siehe Automobiltechnik (hier insbesondere Busse und LKW), aber auch in der Automatisierungstechnik, Kernkraftwerke, Labore, Operationssäle etc. - überall werden konservative Optiken (Spiegel, Endoskope etc.) durch Kameras abgelöst. Es gibt sogar Denkansätze, bei Flugzeugen die Fenster durch TFT Monitore zu ersetzen und ein Livebild darauf zu projezieren, um das Gewicht der relativ schweren Fenster zu sparen und die Struktur des Rumpfes nicht unnötig zu schwächen - hier ist allerdings die Akzeptanz der Passagiere gefragt.
Somit dürfte der logische Schritt auf lange Sicht auch beim Schiff auch in diese Richtung gehen. Schließlich geht es um Bedienergonomie und Kostenersparnis, beides Bereiche, bei denen die Projektierer, Produktplaner und Konstrukteure inzwischen bereit sind (bzw. mit sanfter Gewalt gezwungen werden ;) ) neue Wege zu gehen. Mit den nötigen Redundanzen ausgestattet dürfte sich damit auch ein zuverlässiges System auf die Beine stellen lassen.

Schöne Grüße,
Dieter
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Peter Hartung
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Re: Nocken bei Hellespont Fairfax und Consorten

Beitrag von Peter Hartung »

Guten Abend,
habe mit Interesse Eure Diskussion gelesen. Zur Veranschaulichung verlinke ich hier mal zwei Fotos von der "T1 OCEANIA" ex "PACIFIC SAPPHIRE" ex "HELLESPONT FAIRFAX", auf denen man die kurze Brückennock und die Unterschiede zu einer herkömmlichen Nock gut erkennen kann.

http://media.shipspotting.com/uploads/p ... PPHIRE.JPG

http://media.shipspotting.com/uploads/p ... PPHIRE.JPG

Auffallend ist allerdings die enorme Höhe der Kommandobrücke mit den "Kurz-Nocken".

mfg Peter Hartung
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Spatenpauli
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Re: Nocken bei Hellespont Fairfax und Consorten

Beitrag von Spatenpauli »

Wenn man sich schon die Nocken spart, hätte man auch noch ein paar 10 000,- Dollar sparen können, wenn man die Brücke ohne Stützen gebaut hätte. :oops:
MfG aus Bremen
Carsten H. Petersen
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Re: Nocken bei Hellespont Fairfax und Consorten

Beitrag von Carsten H. Petersen »

Moin ,

Im Rahmen des Qualitätsmanagements / gesetzlicher Vorgaben verbringen wir bei der Lotserei auch die eine oder andere Woche p.a. im Simulator . Dort gibt es diverse Kameramodi , die vermutlich über das hinausgehen , was an Bord so installiert worden ist bzw. in Zukunft werden wird . Somit wird sowas bereits geübt . Nicht nur die kommende Generation , sondern auch "alte Säcke" , zu denen ich mit 41 Jahren offensichtlich bereits gehöre , genießen also derartige Privilegien . Bereits heute ist reichlich Kameratechnik an Bord verbaut worden ( allerdings eher als redundantes System , denn die Schiffe haben allesamt Nocken ) , wobei ich die allerdings als sinnvolle Ergänzung , nicht aber als alleinseligmachende Lösung betrachte . Man kann sich sicher damit arrangieren , aber ich bleibe skeptisch . Zum Einen ist und bleibt das Fahrgefühl mittels Kamera synthetisch , zum Anderen würde es auch an Zeit mangeln , während der "heißen Phase" des Festmachens am Kamerajoystick herumzufummeln ( man hat ja mit den anderen Bedienelementen bereits genug zu tun ) , zum Dritten bleiben immer noch genügend tote Winkel , die auch die schönste Kameratechnik nicht wegzaubern kann . Ich für meinen Teil möchte nicht eine halbe Million Tonnen im "Semi-Blindflug" manövrieren . Das ist ja in etwa so , also würde man einen Uhrmacher oder Goldschmied zwingen , seinen Job mit Boxhandschuhen auszuüben . Ich bin sicher alt genug , um in der Anfangszeit meiner Laufbahn gelernt zu haben , dass man primär mit optischer Wahrnehmung ( Peilungen etc. ) navigieren und manövrieren sollte ( explizite Order des "Alten" : das Radar bleibt aus , das Magnetron müsse geschützt werden , was natürlich auch idiotisch ist und was mich als renitenten 2.Offz. dazu führte , im Tagebuch festzuhalten , wir würden bei diesigem Wetter im Dunstkreis von Lamma Island im 0030 morgens auf Geheiß des Kapitäns ohne Radar fahren , was ja durchaus den Tatsachen antsprach . Somit war das Problem erledigt , ich durfte das Radar nutzen , wann und sooft ich wollte und die Hasskappe der Schiffsführung auf mich war mir für ein Weilchen gewiss ) und jung genung , um die diversen technischen Hilfsmittel auch als solche zu begreifen , zu bedienen und natürlich gehörig zu nutzen . Eine elektronische Seekarte mit Radarbild ist etwas Wundervolles und macht vieles einfacher , eine gewisse "Rest-Skepsis" sollte aber immer vorhanden sein . Blindes Vertrauen in die Technik unter Abschaltung des Hirns ( mich fragte mal ein zweiter Offizier entrüstet , warum ich , als ich zufällig auf die Brücke kam , sofort an den Override eines 190 m langen Schiffes gehechtet bin , um unserer Ausweichpflicht in Form eines Manövers des letzten Augenblicks nachzukommen , laut Radar-CPA wäre der noch 5 Kabel entfernte quer von Steuerbord kommende in stehender Peilung befindliche Kontrahent doch 1 Kabel vor unserem Bug passiert ) wird wohl auch kaum die Lösung sein . Ich habe auch erlebt , dass zwischen der Elfenbeinküste und Cape Town beide an Bord befindlichen GPS ausgefallen waren . Die Ergebnisse des Mittagsbestecks ( hiermit meine ich nicht Messer , Gabel und Löffel , bruhuarrharr ! ) waren faszinierend , laut Aussage des 3.O. waren wir bei Mauritius . Aber zugegeben , ich war auch froh , den Müller Krauss an Bord sowie einige selbst geschriebene Astronav-Programme auf dem Taschenrechner gehabt zu haben . Soweit zum Thema "uneingeschränktes Vertrauen in die Technik" und "Vorteile optischer Peilungen" und "kognitiver Fähigkeiten" .

Mal davon abgesehen -um wieder auf die Nocken zurückzukehren- wird wohl die seinerzeit von HDW-Kiel gebaute Containerschiffsserie für Ganymed , die auch ohne Nocken geplant war , wohl nicht grundlos schon beim Bau mit Nocken ausgerüstet worden sein .

Carsten
Werftarchiv
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Re: Nocken bei Hellespont Fairfax und Consorten

Beitrag von Werftarchiv »

Carsten H. Petersen hat geschrieben:Nicht nur die kommende Generation , sondern auch "alte Säcke" , zu denen ich mit 41 Jahren offensichtlich bereits gehöre , genießen also derartige Privilegien .
Das wollte ich keinesfalls behauptet haben ;)

Ich finde es im übrigen immer wieder schön, wenn man solch illustrative Berichte wie deinen liest - vielen Dank dafür (ich bin ja eher Landratte und kann nicht mit solchem Insiderwissen aufwarten)!

Trotz deiner ausführlichen Beschreibung, bin ich nicht sicher, ob sich in dieser Hinsicht nicht doch etwas ändern wird. Wie ich schon vorher angemerkt habe, gibt es 2 ziemlich "starke Argumente"... dafür, nämlich Geld und zusätzliche Ladekapazität durch die eingesparte Masse der Nocken (also erneut Geld). Letztlich wird es die Zeit zeigen.

Schöne Grüße,
Dieter
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Michel T.
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Re: Nocken bei Hellespont Fairfax und Consorten

Beitrag von Michel T. »

Ich kann zwar nur meine eigene Meinung zum Thema beitragen aber vielleicht trifft es ja mal so ein.
Ich denke mal das aufgrund des Einzugs der Computer und Videotechnik ind die Seefahrt die Brücke irgendwann auf die Aussmaße eines Tankstellenklos schrumpft. Vollgepackt mit Bildschirmen und Blinkenden Knöpfen bis unter die Decke. Das kann man schon bei der Flugzeugtechnik (wie hier auch schon angemerkt wurde) beobachten. Ich denke einfach das sich die Kapitäne den Gang auf die Nock sparen werden wenn sie das selbe Bild auch auf der Brücke in Echtzeit sehen können. Es werden Baukosten gespart und Platz geschaffen. Bei Containerschiffen könnte ich mir zum Beispiel vorstellen das die Brücke in den Bug integriert wird und das gesamte Oberdeck mit Containern vollgestellt werden kann.
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