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Was ist die "Kurbelwangenatmung"

Verfasst: Fr 2. Okt 2009, 17:49
von Jürgen
Hallo ich habe da mal eine Frage

Die Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung (BSU) veröffentlichte einen Bericht über die Strandung des CMS NORFOLK EXPRESS am 30. Mai 2008 im Golf von Suez.
In diesem Bericht wird an einer Stelle von der " Aufnahme der Kurbelwangenatmung " im Zusammenhang mit der Schadensanalyse berichtet.
Was ist das bitte? Was wird dabei gemacht und was für Aussagen, bzw Schlüsse können aus den möglichen Ergebnissen gezogen werden?

Hier der Bericht, da auf Seite 11 unter Punkt 4.2
http://www.bsu-bund.de/cln_007/nn_99672 ... 254_08.pdf

Gruß,
Jürgen

Re: Was ist die "Kurbelwangenatmung"

Verfasst: Fr 2. Okt 2009, 19:29
von Ferry-Friend
Bei der Kurbelwangenatmungssmessung wird ein sehr präzises Messgerät an verschiedenen, bestimmten Punkten zwischen den Wangen der Kurbelwelle eingespannt und die Kurbelwelle dabei auf verschiedene Positionen gedreht. Hierbei kann man anhand des Ausschlages des Messgerätes sehen wie sehr die Kurbelwanne "durchhängt" durch ihr Eigenengewicht. bzw. lässt sich daraus schließen ob sie gestaucht ist oder generell verbogen ist.
Hierbei gibt es Toleranzwerte die aus den Handbüchern des Maschinenherstellers zu entnehmen sind.
Die Atmung wird gemessen wenn das Schiff z.B. Grundberührung hatte oder im Dock war, jedoch auch routinemäßig erfolgen.
So geht das, lass mich auch gerne eines besseren belehren. Hoffe ich konnte weiterhelfen.
Gruß,
Ferry - Friend

Re: Was ist die "Kurbelwangenatmung"

Verfasst: Fr 2. Okt 2009, 20:12
von luke
Mit dieser Messmethode können auch evtl. Schäden an Grundlagern festgestellt werden.
luke

Re: Was ist die "Kurbelwangenatmung"

Verfasst: Fr 2. Okt 2009, 22:12
von Fisserfahrer
Kurbelwangenatmung

Wie schon beschrieben, kann damit die Lage einer Kurbel der Kurbelwelle zu ihrer idealen Mittelachse gemessen werden.

.......WZZZZZZZZW
.......W.......... W
.......W.......... W
.......W...........W
LLLLLLL...........LLLLLLLL
.......W<---x---->W


(Punkte bitte wegdenken, aber sonst geht Darstellung nicht!)

1.)Der Zapfen "Z" steht in OT
2.)Gegenüber von "Z" wird eine Messuhr eingspannt (in der Regel sind dort in den Wangen kleine Ansenkungen)
3.) Die Messuhr wird auf den Wert "0" gestellt.
4.) Der Motor wird duchgedreht, bis die Meßuhr jeweils kurz vor dem Pleuel anschlägt und alle 45 der Abstand, oder besser die Abstandsänderung, (als +-Werte) des Meßpunkts festgestellt.
In Ideallage ist der Abstand "x" in allen KW-Stellungen identisch, die gemessene Änderung ist Null.
Die Welle läuft absolut rund. Das ist aber praktisch nie der Fall, bereits der Beladungszustand kann Auswirkungen haben.
Ist eines der Lager abgesenkt (kann unterschiedliche Gründe haben) verringert sich das Maß im OT gegenüber den wagerechten Meßpunkten.
Diese Messung gehört zu den üblichen Prüfungen der Motoren und wird regelmaßig durchgeführt.
Nach Grundberührung wird die Messung ebenfalls durchgeführt, man sieht damit sofort, ob sich signifikante Änderungen ergeben haben.

Fisserfahrer

Hier wird so ein Gerät beschrieben:
http://www.diatest.com/fileadmin/downlo ... 0Gauge.pdf

Re: Was ist die "Kurbelwangenatmung"

Verfasst: Sa 3. Okt 2009, 13:05
von Frank Nörenberg
@ Fisserfahrer

Danke, und schon hat man wieder etwas gelernt.

Gruß Frank

Re: Was ist die "Kurbelwangenatmung"

Verfasst: Sa 3. Okt 2009, 14:05
von Jürgen
Klasse!

Vielen Dank für eure Hilfe!

Gruß,
Jürgen

Re: Was ist die "Kurbelwangenatmung"

Verfasst: Sa 3. Okt 2009, 21:10
von luke
@ Fisserfahrer,
sehr gute Erklärung und ein interessanter Link
Danke.
luke

Re: Was ist die "Kurbelwangenatmung"

Verfasst: Do 28. Mär 2013, 08:02
von Florian-surveyor
Morgen zusammen,
vielleicht kann mir jemand helfen, die Messuhr bei der Kurbelwangenatmung ist ja auf 1/100 mm eingestellt. Wie groß darf denn die Abweichung der Wangenatmung sein. Ich weiß das es vom Hersteller der Maschine abhängt, jedoch habe ich einen Wert von 2/100 mm im Kopf der ab Liner 2 nicht mehr überschritten werden darf.
Durch die Schwungscheibe darf der Wert beim ersten Zylinder etwas höher sein.
Hat jemand dort Erfahrungswerte ?
Danke
Florian

Re: Was ist die "Kurbelwangenatmung"

Verfasst: Do 28. Mär 2013, 18:37
von LxBxD
Fisserfahrer hat geschrieben:1.)Der Zapfen "Z" steht in OT
2.)Gegenüber von "Z" wird eine Messuhr eingspannt (in der Regel sind dort in den Wangen kleine Ansenkungen)
Genau genommen beginnt die Messung, wenn der Kolben und somit auch der Lagerzapfen in UT steht; nur eben nicht ganz in UT, sondern, je nach Drehrichtung des Motors, leicht zur Steuer- oder zur Abgasseite gedreht, so dass die Uhr gerade noch so am Pleuel vorbei eingesetzt werden kann. Es werden daher zwei Messungen in UT vorgenommen, deren Mittelwert letztlich zur weiteren Auswertung benötigt wird.
Fisserfahrer hat geschrieben:4.) Der Motor wird duchgedreht [...] und alle 45° [...] die Abstandsänderung, (als +-Werte) des Meßpunkts festgestellt.
Gemessen wird alle 90°: Wie schon erwähnt, zweimal im UT (woraus letztlich ein Wert gemacht wird), einmal im OT, einmal auf der Steuer- und einmal auf der Abgasseite. Ermittelt werden dadurch die horizontale und die vertikale Atmung der Kurbelwelle, um, wie hier schon erwähnt wurde, Schäden am Motor nach Grundberührung oder Schäden an Lagern und/oder Lagerschalen durch starken Abrieb festzustellen.
Florian-surveyor hat geschrieben:Wie groß darf denn die Abweichung der Wangenatmung sein. Ich weiß das es vom Hersteller der Maschine abhängt, ...
Ich habe hier noch ein Protokoll aus meiner Studienzeit liegen. Darin fand ich Werte, nach denen die Grenzwerte max. 0,03 mm nach der Erstmontage des Motors und max. 0,07 mm nach einer Neuausrichtung des Motors betragen und ab 0,09 mm eine Neuausrichtung des Motors erforderlich ist. Die Messungen wurden damals an einem SKL 4 NVD 26-2 durchgeführt; ich weiß leider nicht mehr, ob das die Grenzwerte des Herstellers sind oder die des Germanischer Lloyd.

Re: Was ist die "Kurbelwangenatmung"

Verfasst: Do 18. Apr 2013, 15:07
von DSR-Admin
LxBxD hat geschrieben: Die Messungen wurden damals an einem SKL 4 NVD 26-2 durchgeführt; ich weiß leider nicht mehr, ob das die Grenzwerte des Herstellers sind oder die des Germanischer Lloyd.
Der GL und die uralte 4NVD? passt irgendwie nicht. Aber egal. Die Grenzwerte und Toleranzen werden von den Motorenherstellern vorgegeben. Die sind vom Typ, von der jeweiligen Lage des Motors (abhängig vom Beladungszustand, Trimm, etc.) abhängig. Durchgeführt wird die Messung der Wangenatmung nach jeder größeren Reparatur am Motor (Lagerwechsel, usw.) und nach Schäden, z.B. Grounding, Kollision, etc.